Erinnerung und Mahnung: der 9.11. am Georgs

Menschenkette im Langenbergpark und Stolperstein-Rundgang

Zum besonderen Jahrestag der Reichspogromnacht und des Endes des Ersten Weltkriegs am 9.11. hat das Georgs zwei besondere Aktionen durchgeführt. Diese fanden zum einen als Erinnerungsarbeit mit Stolpersteinen, zum anderen als deutliches Zeichen der Toleranz im Langenbergpark statt.

Eine Georgs-Menschenkette für Freiheit und Toleranz

Am vergangenen Freitag, dem 9. November 2018, versammelten sich in der zweiten großen Pause alle Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer des St.-Georg-Gymnasiums im Langenbergpark, um mit einer Menschenkette der Reichspogromnacht vor genau 80 Jahren sowie des Endes des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren zu gedenken. So sollte untereinander und für alle sichtbar ein deutliches Zeichen gegen Hass und Gewalt und für Freiheit und Toleranz gesetzt werden.
Zu diesem Anlass hielt die SV als Initiator dieser Gedenkveranstaltung folgende Ansprache:

„An einem Tag wie heute, vor genau 80 Jahren, wurde auch in Bocholt die Synagoge abgebrannt, wurden auch in unserer Region jüdische Geschäfte und Wohnhäuser jüdischer Mitbewohner zerstört oder verwüstet, wurden überall in Deutschland unschuldige Menschen jüdischen Glaubens angegriffen, verletzt, getötet. Ihnen schlug blinder Hass entgegen, der von den Nazis über Jahre gesät und geschürt wurde. Mit der Reichspogromnacht begann die offene Verfolgung der jüdischen Mitbürger in Deutschland. An einem Tag wie heute…

Und das nur zwanzig Jahre nach einem weiteren denkwürdigen Tag – am 11. November 1918 endete mit dem unterzeichneten Waffenstillstand der Erste Weltkrieg. Genau vor 100 Jahren!

Diese beiden besonderen Jahrestage, die so nah beieinander liegen und uns zeigen können, wie schnell aus neu geschlossenem Frieden wieder Hass und Krieg entstehen können, erinnern uns auch heute noch daran, was Menschen anderen Menschen antun können.

Wir als Schulgemeinschaft am Georgs möchten im Gedenken an die Reichspogromnacht und das Ende des Ersten Weltkriegs ein gemeinsames Zeichen setzen! In Erinnerung daran, wie zerbrechlich Frieden und Freiheit sind! Wir am Georgs stehen für Toleranz, Vielfalt, Miteinander, Freiheit und Frieden!

Darum laden wir euch nun alle ein, mit uns in den Langenbergpark zu gehen und eine Menschenkette einmal rund um den Park zu bilden. Es gilt, 620 Meter zu schließen, indem wir einander die Hände reichen und unser Miteinander und unsere Gemeinschaft auch nach außen sichtbar zu machen. Kommt alle nach draußen und bildet eine Menschenkette für den Frieden!“

Text und Foto: SV-Team des St.-Georg-Gymnasiums

Gedenkstätten-Projekt auf den Spuren der Stolpersteine in Bocholt

Die Teilnehmer des Gedenkstätten-Projekts, die im kommenden Frühjahr mit den Lehrern zur Holocaust-Gedenkstätte in Auschwitz fahren werden, hatten am vergangenen Dienstag ihre erste Exkursion, mit der sie sich auf die herausfordernde Fahrt vorbereiten möchten. Gemeinsam mit Hermann Oechtering und Josef Niebur machten sich die Schülerinnen und Schüler zusammen mit ihren Lehrern Thomas Reimann und Stefan Melis auf die Suche nach den Stolpersteinen in Bocholt. Diese sind an den Stellen im Stadtgebiet zu finden, an denen jüdische Mitbürger zur Zeit des NS-Regimes ihren letzten Wohnsitz hatten, bevor sie deportiert und zumeist in den von den Nationalsozialisten betriebenen Vernichtungslagern umgebracht wurden (wie z.B. in Auschwitz).

Für die Jugendlichen bildet dieser Rundgang den Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit einzelnen Schicksalen bzw. Biographien, derer sie auch während der Auschwitz-Fahrt gedenken wollen. Hermann Oechtering führte den Schülern und Schülerinnen hierzu eindringlich die Schicksale von Juden vor Augen, die deportiert und ermordet wurden, indem er zu jedem Stolperstein die Geschichte der betreffenden Person(en) erzählte.

So z.B. von der Familie Löwenstein, die in den 30er Jahren ein Geschäft für Textilien in der Osterstraße besaß. Von den ersten Boykotten jüdischer Geschäfte, die schon kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 begannen, war auch die Familie Löwenstein betroffen. Am Geschäft wurde den Kunden von Nationalsozialisten der Zutritt verwehrt, so berichtet Hermann Oechtering den Schülern. Wie aber auch an anderer Stelle gab es einige wenige Menschen, die die Ideologie der Nationalsozialisten in Frage stellten oder sich dieser sogar couragiert öffentlich widersetzten. So wies beispielsweise einer der SA-Männer, die damals zur Einschüchterung der Bevölkerung abgestellt wurden, auf die Möglichkeit hin, das Geschäft doch durch den Hintereingang zu betreten. Zahlreiche solcher kleiner Möglichkeiten gegen das Regime des Nationalsozialisten zu opponieren bis hin zu offenen Formen des Widerstandes gegen den Unrechtsstaat, wurden den Schülern von Hermann Oechtering geschildert.

In einem weiteren Haus, vor dem die Stolpersteine verlegt sind, wohnte die Familie Zytnik. Am 9. November, dem Tag der Reichspogromnacht, der sich am letzten Freitag zum 80. Mal jährte, sollte auch das Haus der Familie Zytnik geplündert werden. Mit Zivilcourage stellte sich August Vallée den SA-Männern entgegen, die sich zuvor im Schützenhaus getroffen hatten und auf die jüdische Bevölkerung gehetzt worden waren. „5 Kugeln habe ich - 4 für euch und eine für mich“, soll August Vallée gerufen haben, um die SA-Horden zu vertreiben. Diese ließen danach tatsächlich vom Wohnhaus der Familie Zytnik ab.

Ein weiterer wichtiger Punkt, den Herr Oechtering mit den Schülerinnen und Schülern ansteuerte, war der Standort der Synagoge in Bocholt am heutigen Haus des Handwerks. Hier sind nicht nur die Namen der 34 zumeist nach Riga deportierten Juden auf einer Gedenktafel geschrieben, sondern hier lassen sich seit 2007 die Umrisse der alten Synagoge anhand der Steine im Boden erkennen. Besonders beeindruckend ist ein Fragment der Synagoge, das bei Grabungen zur Tiefgarage unter dem Europaplatz gefunden wurde und nun auf einer Gedenktafel abgebildet ist. Gerade auf diesem Fragment ist das 5. Gebot zu lesen: „Du sollst nicht töten“. Besonders bezeichnend scheint den Schülern und Hermann Oechtering dies angesichts dessen, was die Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern den Juden auch aus Bocholt angetan haben.

Das bekannteste KZ (Auschwitz) werden die Schüler auch in Gedenken an die dort ermordeten Bocholter Juden im April 2019 besuchen. So beendete Hermann Oechtering den Rundgang auch mit einem Hinweis auf einen Artikel aus der Wochenzeitung „Die Zeit“, der nochmal die Parallelen zwischen der Weimarer Republik und der aktuellen politischen Entwicklung deutlich macht und außerdem dem dringenden Appell, wachsam zu bleiben.

Die Erinnerung wachzuhalten ist allen am Projekt Beteiligten ein wichtiges Anliegen. Am vergangenen Freitag hat die Gruppe zur Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht im Rathaus ebenfalls einen Beitrag geleistet.

Text: S. Melis


eingetragen von: O. Marke

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