"Verräter"

EF besucht Theaterstück

Am vergangenen Freitag besuchte die Jahrgangsstufe EF des St.-Georg-Gymnasiums die Aufführung des Theaterstückes „Verräter“ vom Westfälischen Landestheater in der Aula des August-Vetter-Berufskollegs. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Buch von Can Dündar, dem früheren Chefredakteur der renommierten türkischen Tageszeitung Cumhuriyet, gegen den im November 2015 von Seiten des türkischen Staates Anklage wegen angeblicher Spionagetätigkeit und der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung erhoben wurde. Hintergrund war ein in der Cumhuriyet am 29.05.2015 erschienener Artikel über geheime Waffenlieferungen der türkischen Regierung an den „Islamischen Staat“. Am Tage der Urteilsverkündung – Can Dündar wurde zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt - überlebte der Journalist unverletzt ein vor dem Gerichtsgebäude auf ihn verübtes Attentat. Um der Haftstrafe, gegen die er auf rechtstaatlichem Wege nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei nicht glaubte vorgehen zu können, zu entgehen, verließ Dündar 2016 die Türkei und reiste nach Deutschland. Heute lebt er in Berlin und arbeitet als Chefredakteur eines Webradios und als Kolumnist bei Zeitungen wie z. B. „Die Zeit“. Besonders schwer zu ertragen ist das Leben im Exil für Dündar vor allem aufgrund der Trennung von seiner Frau und der damit einhergehende Einsamkeitserfahrung, denn die Türkei verweigert ihr bis heute die Ausreise.
Die Schülerinnen und Schüler wurden im Vorfeld der Aufführung von ihren Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern mit der Biographie des Autoren und deren Bedeutung für Thema und Intention des Stückes vertraut gemacht. Der zeitgeschichtlich noch immer äußerst relevante Dissens zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem türkischen Staat in Fragen der Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte wurde den Schülerinnen und Schülern hinsichtlich seiner Konsequenzen für die Bürgerinnen und Bürger beider Länder nicht nur vor Augen geführt, sondern beinahe erfahrbar gemacht. Auf der einen Seite Meinungspluralismus in Wort und Schrift, Möglichkeiten, ja sogar Förderung des zivilgesellschaftlichen – auch regierungskritischen - Engagements sowie unabhängige, allein den Gesetzen verpflichtete Gerichtsbarkeit und auf der anderen Seite Restriktionen bei grundlegenden Bürgerrechten, Einschüchterungsversuche gegenüber den Medien sowie Richter und Staatsanwälte, deren Loyalität weniger dem Staat als der Person des Staatsoberhauptes gilt. Der Vergleich beider Erfahrungswelten, der ersten, gewohnten mit der zweiten, befremdlichen, offenbart sehr eindrücklich, dass bestimmte Werte und Tugenden wie z. B. Toleranz oder die Entwicklung und Äußerung einer politischen Haltung, derer manche sich hierzulande nicht aus Angst vor staatlichen Repressionen, sondern allenfalls aufgrund eigener Kenntnislosigkeit oder Bequemlichkeit zeitweise entledigen, Menschen in anderen Teilen der Welt ein hohes Maß an innerer Stärke, Selbstlosigkeit und Courage abverlangen.
Die Mahnungen und Lehren des Stückes werden in den Köpfen der jungen Zuschauerinnen und Zuschauer hoffentlich noch längere Zeit nachklingen, leben sie doch in einer Gesellschaft, in einige Menschen die Zustände in Ländern wie der Türkei nur insoweit interessieren, als dass sie ihre Urlaubsreisen durch dortige Unruhen nicht gefährdet sehen wollen; der Tatsache, dass ihre Erholung die Drangsal der Dissidenten durch die ökonomische Stabilisierung des autokratischen Systems indirekt mitfinanziert, begegnen sie dabei anscheinend mit großer Gleichgültigkeit.
In der kommenden Woche werden die Schülerinnen und Schüler im Unterricht die Gelegenheit erhalten, die durch die Aufführung aufgeworfenen Fragen zu diskutieren und zu prüfen, inwieweit sich die gewonnen Erkenntnisse auf Alltagshandlungen übertragen lassen, wie also letztlich Demokratie in Schule, Familie und Gesellschaft gelebt werden kann.

Text: T. Lampe
Foto: A. Ehler



eingetragen von: G. Grunden

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